Freitag, 23. Dezember 2011

So fing es an

Günter Schröders militärische Ausbildung in Neuruppin









Mit 19 Jahren wurde mein Vater Günter Schröder am 5. Februar 1941 zur Wehrmacht in die Panzerkaserne nach Neuruppin eingezogen. Hier erfolgte die Grundausbildung und Ausbildung zum Panzerfahrer.
Mit einem Auszug aus meinem Buch „Vorwärts und durch!“, der Titel ist dem Fahnenspruch der ersten Abteilung des Panzerregiments 35 entlehnt, lasse ich meinen Vater selbst erzählen:

Die so genannte Grundausbildung, dauerte etwa drei Monate. Sie war die schwerste Zeit.
Wir mussten marschieren, marschieren, wieder marschieren und noch einmal marschieren.
Wenn man über den Kasernenhof ging, konnte man seine Hand gleich oben an der Mütze lassen. Wir waren der niedrigste Dienstgrad und mussten jeden höheren Diensttang ab Soldat (Schütze) vorschriftsmäßig grüßen, sonst wurden wir unweigerlich zurückgepfiffen. Die Strafen folgten dann auch gleich an Ort und Stelle .
Standardbestrafungen waren: „Robben sie vor, bis zur Laterne! Im Entengang bis zur Straße und zurück! Zehn Liegestütze mit Händeklatschen. Zwanzig Kniebeugen.“, oder was auch immer den Herren Vorgesetzten gerade einfiel. 
Diese standen untereinander in einem ständigen Wettbewerb, wer sich die besten Schikanen ausdenken konnte. Wir hatten keine Möglichkeit, diesen Gemeinheiten zu entkommen. Befehle werden nicht diskutiert! Befehle werden bedingungslos ausgeführt.
Wenn man etwas regelmäßig machen muss, dann gewöhnt man sich an die blödesten Rituale.
Bei der Ausbildung in der Kaserne war es schon immer ein probates Mittel die Rekruten durch viele Arten von Schikanen weich zu kochen um sie hart zu machen. Wir wurden bei jeder Gelegenheit auf jede erdenkliche Art geschliffen. 
Schon am zweiten Morgen bekam ich eine Kostprobe.
Beim Frühstück war ich als Kaffeeholer eingeteilt, das heißt ich musste für die Kameraden meiner Gruppe die beiden Kaffeekannen an der Küchenausgabe füllen und sie in den ersten Stock in den Speisesaal bringen. Auf dem Weg nach oben trug ich in jeder Hand eine volle Kanne, dabei wurde ich von einem dicken Küchen-Unteroffizier mit Absicht angerempelt, so dass ich etwas Kaffee verschüttete.
„Was erloben Se sich, Sie Stockfisch? Kenn Se nicht uffpassen?“, schrie mich der Dicke in reinstem Sächsisch an.
„Hinleechen!“, befahl er dann.
Ich wusste nicht, ob der das ernst meinte.   
Wie sollte ich das machen mit den zwei Kaffeekannen mitten auf der Treppe?
Was hat der gesagt?
Hinlegen?
Warum?
Sieht der denn nicht, dass ich zwei volle Kannen in den Händen habe?
„Hinleechen hab ich gesocht!“, brüllte er jetzt.
Was sollte ich tun? Langsam ließ ich mich auf der Treppe vorsichtig zu Boden gleiten, um keinen heißen Kaffee zu verschütten.
„Schneller! 
Uffn Bauch leechen!“, forderte der Dicke jetzt.
Wie denn?
Das ist nicht leicht, wenn man die Hände voll hat.
Der Dicke hätte das selbst nie geschafft.
Schließlich gelang es mir doch ohne einen Tropfen des köstlichen Muckefuck zu verschütten. Ich lag bäuchlings auf der Treppe und hielt auf die Ellenbogen gestützt die beiden vollen Kannen hoch.
„Robben Sie!“
Auch das noch?
Inzwischen blockierte ich und mit mir viele interessierte Zuschauer die Treppe. Zumindest die neuen Rekruten hatten so ein Kunststück noch nicht gesehen.
Auch ich hatte diese Nummer nie geübt.
„Se solln robben!“, beharrte der Unteroffizier, als ich noch unschlüssig war.
„Des is ä Befeehl!“
Ich kann mir reichlich blöd vor, und meine Zuschauer feixten auch schon und zogen hinter dem Kapo Grimassen. Also:
„Vorwärts und durch!“
So robbte ich mit den beiden vollen heißen Kaffeekannen auf den Ellenbogen von Stufe zu Stufe den Rest der Treppe nach oben.
Die Zuschauer hatten viel Spaß. Wie ich Kaffee kleckernder Weise die Treppe eroberte.
Von meinen Kameraden wurde ich allerdings recht unfreundlich empfangen. Sie bekamen nur noch den Rest des inzwischen kalt gewordenen Kaffees und hatten keine Zeit mehr, diesen zu trinken.
Als ich mit dem Frühstück beginnen wollte kam gerade der Befehl vom UvD: „Dritter Zug Frühstück beenden. Alles auf! In Reihe ohne Tritt Marsch.“
Ich konnte wenigstens noch im Vorbeilaufen zwei Scheiben Brot und ein Stück Wurst ergreifen, sonst hätte ich bis zum Mittag nichts zu essen gehabt.

Axel Schröder

Kommentare:

  1. am dnjepr sind sie dann ersoffen, weil sie nicht schwimmen konnten! es zeigte sich der ganze unsinn des sadistischen drills! fritz rettete einen uffz. der nicht schwimmen konnte.(uffz.joerg)

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  2. Zu den Kaffeekannen:
    Nicht ganz jugendfrei.. So viel mir erzählt wurde, bekam immer eine Stube eine Kanne... Also die Kannen waren schon groß und schwer. Was ein Mitglied der Stube meines Vaters nicht hinderte, sich öfters morgens eine volle Kaffeekanne an seine Morgenerektion zu hängen und seine physische Stärke zu demonstrieren!

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  3. Mein lieber Hans-Jürgen,
    sollen wir das wirklich glauben?
    Hoffentlich hat der Kaffee und die Kanne keinen Schaden genommen.

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  4. One must be careful from where he gets his coffee ....

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